Im Paradies der Paradeis von Erich Stekovics

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Führung mit Erich Stekovics durch Felder und Saatzucht im burgenländischen Frauenkirchen. Seit jeher verbindet mich mit dem Burgenland etwas Besonderes – ein Teil meiner Familie hat Wurzeln, die im Sonnenland Österreichs ihren Ursprung haben. So verwurzelt wie Menschen mit ihrem Ursprung sind auch Pflanzen mit dem Boden unter sich.

Aber nur dann, wenn man sie nicht verwöhnt, sagt Erich Stekovics. Paradeiserkaiser Stekovics gießt seine Pflanzen Zeit ihres Lebens mit höchstens 5 Liter Wasser. Und das meist gleich nach dem Aussetzen. Danach versorgt sich die Pflanze selbst – über ihre Wurzeln, die bis zu 2 Meter tief und bis zu 800 (!) Meter weit reichen. Es sind nicht das pannonische Klima, nicht der Boden, die für den reichen Ertrag sorgen. Es ist „das nicht verwöhnte Pflänzchen“ selbst, erklärt Erich Stekovics bei einer seiner vierstündigen Exklusiv-Führungen.

Hier trifft man Ananas, Anna Russian, Baiguogiangfeng, Belmonte, Bianca, Black Cherry, Carmello, Cherokee Green, Dattelwein, Dr. Neal, Earl of Edgecombe, Elfenbeinei, Fidelio, Gelbe Johannisbeere, Glasnost, Goldita, Himmelsstürmer, Jersey Devil, Kroatisches Herz, Magnum, Nepal, Ox Heart, Rena´s Turban, Russian 117, Santa Ana, Schlesische Himbeere, Sibirischer Finger, Tennessee Sweet, Trefle de Togo, Tschio Tschio San, Welser Wunder, West Virginia, Yellow Agate, You Go und Zakopane.

Die Namen für Paradeisersorten sind ausgefallen, ungewöhnlich, witzig, kryptisch, wohlklingend. So verschiedenartig die Früchte dieser Sorten in Aussehen, Größe und Geschmack sind, sie gedeihen alle bei Stekovic. So vielfältig die Früchte dieses Nachtschattengewächses aussehen und schmecken können, so vielfältig sind auch der Name* der Frucht an sich:  Tomate (Solanum lycopersicum), Paradeiser, Paradeisapfel, Paradiesapfel, Liebesapfel, Goldapfel (italienisch pomodoro).
Das Credo von Erich Stekovics lautet: „Wenn sie ihre Paradeiserpflanzen umbringen wollen, dann gießen sie ruhig“. Hier spricht ein Mann mit großem Wissen, vollster Überzeugung und Begeisterung. Die bunte Besuchertruppe kommt aus dem In-, und Ausland zur Führung und ist zwischen 3 und 70 Jahre alt. Sie alle, ob mit grünem Damen, Gartenerfahrung, Hobbygärtner, Topfpflanzer, Profigärtner oder einfach nur Paradeiserfans, werden in den Bann des Erich Stekovics gezogen. Wie im Seminarkabarett bestärkt er die Gießer im Weitergießen, lobt die Nicht-Gießer und analysiert die psychologischen Hintergründe des Gießens- weil es so entspannend ist. Aber was, wenn mehrere Familienmitglieder die Entspannung beim Gießen suchen? Erreichen will Stekovics, dass die Besucher lernen, ihre Paradeiserpflanzen nur einmal bei der Aussaat zu gießen. Fünf Liter Wasser sind genug.Und höchstens dann noch einmal, wenn die Pflanze gerade am Sterben sei. Ausnahmen sind Topfpflanzen, die dürfen natürlich gegossen werden. Stekovics empfiehlt Topfgrößen von 100, 200 Liter und mehr. Soweit die Einführung und der Paradiessektaperitif im Schäferhof, der Stekovics’schen Homebase im burgenländischen Frauenkirchen.

So richtig zur Sache geht’s dann draußen auf den Feldern. Auf den mit Stroh gepolsterten Feldern liegen die Paradeiserpflanzen. Sie nehmen rund 3-4m² Platz ein und bringen je nach Sorte zwischen 80 Kilogramm und 500 (!) Kilogramm Ertrag. Auf dem Feld unter der pannonischen Sonne beginnt auch die Verkostung. Erich Stekovics und Praktikant Michael geben Kostproben aus. Es geht von einer Paradeiserpflanze zur nächsten. Viel Infos und Wissenswertes rund um die Paradiesfrucht finden zwischen den Verkostungen Platz. Natürlich darf man auch selbst zugreifen, wenn man eine der reifen Früchte erblickt…

Vom Feld geht es weiter in die Saatzucht. In unendlich lang anmutenden Folientunnel stehen hunderte Sorten, an Schnüren hochgezogen, zur Gewinnung eigenen Saatgutes. Hier hat Erich Stekovics das Sagen, nicht die großen Saatgutfirmen oder die EU. Die Besucher kosten und kosten, mehlig, pfeffrig, süßlich, herb, sauer, würzig, mild, hart, weich, knackig, samtig…

Ich esse Paradeiser für mein Leben gerne und verkoste jede angebotene Sorte, manch einer gab schon früher w.o. Erich Stekovics lässt keine Kostprobe aus, beantwortet geduldig alle Fragen und verschenkt noch seltene Exemplare (gelbe und rote Paradeiser, in denen eine kleine Erdbeere heranwächst) an Kinder in der Gästegruppe.

Obwohl eigentlich 60 Prozent des Firmenumsatzes von Erich Stekovics die Früchte der Chili-Pflanzen ausmachen, wird er oft als Paradeiserkaiser tituliert. Er brennt für sein Lebenswerk und da ist der Wert 10 auf der Scoville-Skala (eine Skala zur Abschätzung der Schärfe von Früchten der Paprikapflanze) noch zu wenig, um der Begeisterung und dem Enthusiasmus gerecht zu werden, die der 46-Jährige ausstrahlt.

Nach rund dreieinhalb Stunden, am Ende der Führung werden noch Chutneys, Marmeladen, eingelegte Paradeiser und vieles mehr verkostet – natürlich auch wieder vom Chef persönlich verteilt und kommentiert.

Die Gäste von Marienkron lassen das Nachtmahl freiwillig ausfallen und ich werde mich anschließen. Heute hat nicht einmal mehr ein wunzig-kleiner Johannisbeerparadeiser in meinem Magen Platz. Das neue Buch „Atlas der erlesenen Paradeiser – und was man alles mit ihnen anstellen kann“ ( € 59,00) von Erich Stekovics nehme ich noch mit, um alle Tipps und Infos nachzuschlagen und vom Paradeiserparadies zu träumen…

Die Führungen mit dem Kaiser der Paradeiser sind seit sechs Jahren ausgebucht, gegen Voranmeldung finden sie jeweils am DI, DO, FR, SA, SO um 16:00Uhr (bei jedem Wetter) statt und zwar dann, wenn die pannonische Nachmittagssonne die Paradeiser in ein buntes Farbenmeer verwandelt und der Paradies-Duft in der Luft liegt… dann wird verkostet, erzählt, gestaunt und wieder verkostet!

Links:
www.stekovics.at/ Stekovics – Paradies der Paradeis A-7132 Frauenkirchen, Schäferhof 13, 0043 2172 226 90 office@stekovics.at

www.arche-noah.at/etomite/ Gesellschaft zur Erhaltung und Verbreitung der Sortenvielfalt.

http://www.frauenkirchen.net/

Erfolgsrezept: Nicht gießen, nicht ausgeizen (bedeutet, dass man die jungen Seitentriebe, die aus ungefähr jeder Blattachsel sprießen, regelmäßig entfernt, man bricht sie aus) und vor allem nicht vor den Eisheiligen, also nicht vor Mitte Mai, aussetzen – sind ein Garant für eine ertragreiche Ernte.

*Der Name Tomate leitet sich von xitomatl, dem Wort der Azteken für diese, vor allem als Gemüse verwendete, Beeren-Frucht ab. Das Ursprungsgebiet der Tomate ist Mittel- und Südamerika, nach Europa kam sie um 1500 durch Kolumbus. Im 17. Und 18. Jahrhundert wurde die Tomate in Europa hauptsächlich als Zierpflanze angesehen. 1873 wurden bei der Wiener Weltausstellung Tomaten gezeigt. Um 1900 waren die ersten Tomaten auch auf den Wiener Märkten zu finden. Erst 1945 hielten sie im großen Stil Einzug in die Gärten und Küchen des Landes.

Tomatenpflanzen sind krautige, einjährige, zweijährige oder gelegentlich auch ausdauernde Pflanzen mit Laubblättern, die zunächst aufrecht, später aber niederliegend und kriechend wachsen. Je nachdem, ob man sie ihrer Natur gemäß auf sich allein gestellt wachsen lässt, oder auf Stecken hochbindet, gießt und ausgeizt.

9 KOMMENTARE

  1. Paradeiser Verkauf nur gegen Vorbestellung

    Wer die Prachtexemplare mit nach Hause nehmen will, kann sie telefonisch oder per mail bestellen, bis 9:00 vormittags bestellte Paradeiser können noch am selben Tag abgeholt werden.

  2. Credo Nicht-Gießen

    Ich werde es nächstes Jahr auch versuchen, doch es wird schwierig werden, meine gärtnernde Oma zu überzeugen.

  3. Nicht gießen und viel ernten find ich super!

    War auch erst bei einer Führung dabei. Es war auf alle Fälle das Geld wert (€ 45,– davon sind dann 15,-€ Einkaufsgutschein).

    Mietze Schindler Erdbeermarmalede und Marillen mit Chili schmecken herrlich. Nächstes Jahr werde ich meine Paradeiser a la Stekovic behandeln.

  4. Pardeiser, Tomaten, Paradeiser, Tomaten, Paradeiser

    Hatte keine Ahnung, dass es so viele Sorten gibt. Und gefühlte alle habe ich verkostet, ohne Magenverwindungen zu bekommen. Die Führung war echt interessant.

  5. 3200 Sorten Paradeiser

    aus aller Welt kommen die Samen der Paradeiserarten, angebaut im Jahr 2012 sind 600 Sorten. Derzeit dreht der ORF eine Dokumentation mit Erich Stekovics.

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