„Alles Walzer!“ – Opernball, Ballspenden und Lotte Tobisch im Interview

3
Opernball-Pressekonferenz mit Desirée Treichl-Stürgkh
© Alex Acaris

2016 bringt – wie jedes Jahr – Promi-Events, traditionelle Nobelbälle und Charity-Veranstaltungen. stebo.at wirft einen Blick auf historische Ballspenden und schaut mit Professor Lotte Tobisch in die Zukunft der Bälle.

Kunstvolle Vergangenheit
Ballveranstaltungen, bei denen gerne und viel getanzt wird, sind eine österreichische Besonderheit. Auch Ballspenden, die oft Damenspenden genannt werden, gibt es nur in Österreich.

Sammelleidenschaft
Ein leidenschaftlicher Sammler hat stebo.at seine kostbare Sammlung an Ballspenden zugänglich gemacht. Die 2600 Objekte stammen aus den Jahren bis 1914 aus der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Sie zeichnen sich durch Perfektion kunstvoller Gestaltung, heute kaum mehr gekannte Handwerkskunst und Originalität aus.

Carnet de Ball
Die Kavaliere trugen sich in den Tanzkarten der Damen ein, um einen Tanz zu reservieren. Das Carnet de Ball war ein aufwendig verziertes Billet mit kleinem Bleistift, Kordel und Häkchen, um es an der Robe zu befestigen. Das Carnet de Ball, auch Tanzkarte oder Dancing Card genannt, war die ursprüngliche Form der Damenspende.

Ballspenden
© stebo

Originelle Damenspenden
Später folgten Krüge, Vasen, Trinkgefäße, Plaketten, Statuetten, Miniaturen von Gebäuden und Musikinstrumenten, Spiegel, Miniaturfahrräder oder Engelsfiguren.
Lokomotiven, bei denen die einzelnen Teile beweglich sind, erfreuten die Besucher der Eisenbahnerbälle. Beim Industriellenball, den es seit 1861 gibt, wurde 1886 ein Klöppel en miniature als Ballspende überreicht. Die Concordia, die Vereinigung Österreichischer Schriftsteller und Journalisten, verschenkte zum 50. Concordia-Ball einen Almanach, in dem alle Ballspenden der vergangenen fünfzig Jahre mit Bild und Kommentar zum Ball aufgelistet waren.

Beim Concordia-Ball im Jahre 1906 wurde anlässlich des 150. Geburtstages von Mozart eine Geige als Ballspende gegeben. Im aufklappbaren Korpus sind Jubiläumsblätter zu Ehren Mozarts und die Tanzkarte zu finden. Eine Sammlerrarität ist der nicht verwendete Entwurf für die Ballspende, datiert mit 1906. Die Ballveranstalter ließen meist unterschiedliche Musterexemplare anfertigen. Zu den renommiertesten Damenspenden-Herstellern zählten August Klein und Eduard Witte.

Tradition und Heute
Seit dem Mittelalter gibt es in Wien Tanzveranstaltungen. Bälle für den Adel und das Bürgertum haben lange Tradition, der Wiener Kongress „tanzte“ 1814/15 und in Österreich wird noch immer getanzt. In der Hofburg, im Kursalon Wien (ehemals Hübner), im Palais Ferstl, im Wiener Rathaus und den Redoutensälen finden rauschende Ballnächte statt. Die Damenspenden und auch die Ballbesucher spiegeln den Zeitgeist wieder.

Welches Geschenk das Herz der Opernballbesucherinnen 2016 erfreuen wird, erfährt man jährlich bei der Pressekonferenz – im Opernballprogramm, einem Pamphlet der Wiener Staatsopern steht folgendes zu lesen: „Für die Ballspenden danken wir For the ball gifts we kindly thank Croma Pharma/Princess Skincare, D.Swarovski, Edition Lammerhuber, Figlia, Gerstner, Guerlain, Handschuhpeter, Huber Bodywear, Juwelier Heldwein, Kissa Tea, Pandora, Pecoraro&Pecoraro, Popp&Kretschmer, Sisi C2“

So viel sei im Groben verraten: Die Damenspende des 60.Opernballes 2016 beinhaltet einen Charm mit Opernball-Gravur, eine Geschenkbox mit hochwertigen Pflegeprodukten, Pfefferminz-Tragant-Bonbons, einen Matcha kisses Genmaicha-Tee und die CD Sisi – „The Movie Trilogy Suite“. Die Herrenspende besteht aus der CD „For Us – Per noi“ von Pecoraro & Pecoraro sowie dem von der Edition Lammerhuber verlegten und zur Verfügung gestellten Foto-Bildband mit dem Titel „Genesis“.

„Alles Walzer!“
Am 4.Februar 2016 wird der Wiener Opernball mit den Worten „Alles Walzer!“ eröffnet. Für viele Menschen ist der Name Professor Lotte Tobisch untrennbar mit dem Wiener Opernball verbunden. Von 1981-1996 war sie mit viel Engagement und Liebe Organisatorin des renommierten Balls in der Wiener Staatsoper. Im März diesen Jahres wird die elegante Wiener Grande Dame 90 Jahre alt.

Ball-Blumenschmuck
© Alex Acaris

Gegenwart und Zukunft – aus dem Interview mit Lotte Tobisch

stebo.at: Wie sehen sie den Opernball heute?

Lotte Tobisch: „Man soll den Opernball ernsthaft machen, weil tausende Menschen da sind und weil ihn Gott und die Welt sieht. Aber ernst nehmen darf man ihn nicht. Es ist doch letztlich ein sehr reizendes Faschingsfest mit Tradition. Die Eleganz des Opernballs besteht darin, dass ein Frackzwang ist – aber das ist kein elitäres, sondern ein egalitäres Kleidungsstück. Dadurch schaut es so elegant aus. Es ist auch ein freier Verkauf und da kommt Gott und die Welt hin. Gerade diese Mischung macht den Charme dieses Balles aus. Weil nach der Eröffnung um Mitternacht wird diese sehr formelle Geschichte ein Volksfest.“

stebo.at: Was halten sie von Herrn Lugner, der Gäste einlädt?

Lotte Tobisch: „Ich habe gar nichts gegen den Lugner, denn einen Wurstel hält der Opernball zum Fasching aus. Also ich würde die Sache nicht überbewerten. Aber die ganze Yellow Press wird einmal sagen: „um Gottes Willen, was wird passieren, wenn der Lugner nicht mehr da ist“. Der Lugner ist ein Aufhänger und die leben davon. Es ist schrecklich, aber es ist leider so. Bei mir waren auch feine Leute zu Gast, obwohl immer das Gegenteil behauptet wurde. Der Pallavicini, der Reichsgraf, der Fürst Metternich waren eingeladen, keinen Menschen interessiert das. Aber dass die Dolly Buster da ist, das ist interessant. Und der Lugner ist noch harmlos, der Lugner ist ein Narr und bis auf die Grace Jones war nicht eine Person dabei, die wirklich grässlich war. Und die Dolly Buster, die hat nicht er eingeladen, das war wer anderer. Da ist nur ihm die Schuld in die Schuhe geschoben worden.“

stebo.at: Ist es eine Aufwertung des Opernballes oder es ist nur die Mediengeilheit?

Lotte Tobisch: „Der Opernball ist völlig den Medien ausgeliefert, aber das liegt an der Zeit, die Medien sind überall, wo man sie nicht brauchen kann, und nicht will, sie sind da. Und der Lugner hat diese Gelegenheit ausgenützt, für seine Firma, denn er zahlt das alles nicht, sondern das zahlt die Firma. Er gibt seinen Kopf her, er verkauft seinen Kopf. Was dem Meinl sein Mohrenköpfchen ist, ist dem Lugner sein eigener Kopf.“

stebo.at: Wiener Opernball in Kuala Lumpur oder Japan?

Lotte Tobisch: „Abgesehen vom Opernhaus kann man das nicht machen, da man die Wiener nicht exportieren kann. Die Leute im Ausland wollen ein Ballett geboten kriegen, sind bereit ein bisschen zu tanzen und dann sitzen sie dort und essen. Diese Art von Bällen, wo die Leute wie die Blöden von zehn Uhr abends bis fünf Uhr früh nur tanzen, die gibt es nur in Wien.“

stebo.at: Wie sehen sie die Zukunft der Bälle?

Lotte Tobisch: „Die Bälle haben schon eine so lange Vergangenheit, warum sollten sie keine Zukunft haben? Getanzt, in Wien wird immer getanzt. Das ganze Volk sind Menschen, die tanzen. Es liegt teils am Alpenländischen, so auch in der Schweiz, auf den Ländern, da wird getanzt, es gibt die Ländler… und Wien ist eine Spezialität. Auch dieser Brennpunkt, das Böhmische, das drinnen ist, das macht auch sehr viel aus. Wenn man den Friedrich Smetana und den Antonín Dvořák hernimmt – die böhmischen Tänze und das Slawische, das kommt da alles zusammen. Der ganze Johann Strauß war ja so eine Mischung mit ungarisch und jüdisch und weiß der Teufel was, also alles in der Familie.“

stebo.at: Zuletzt eine Frage, die sie sicher schon hundert Mal beantwortet haben: Aus welchem Grund haben sie 1996 die Organisation des Opernballs abgegeben?

Lotte Tobisch: „Ich habe ja meine guten Gründe gehabt, warum ich von mir aus gesagt habe, jetzt ist genug. Das war eine der klügsten Handlungen meines Lebens, rechtzeitig aufzuhören. Das muss man machen. Wenn man den Punkt trifft, dann ist einem gute Nachrede sicher. Wenn man zu lange dort ist, dann heißt’s: „die Alte ist allerweil’ noch da, und man hat den Scherbn auf“. Es ist genug gewesen, die Zeiten ändern sich, nach fünfzehn Jahren ist eine neue Generation. Die Welt ist heute total eingestellt auf: was unterm Strich übrig bleibt. Wichtig sind Einnahmen und Quoten. Ich bin ein künstlerischer Mensch, für mich war das eine Inszenierung, für mich war das ein Theaterabend – so habe ich es gesehen, und die Möglichkeit, einige Leute unglaublich glücklich zu machen, die um alles auf der Welt auf den Opernball gehen wollen, auch junge Leute, und das hat mir Spaß gemacht an der Sache. Natürlich war es auch ein Geschäft, dafür habe ich auch gesorgt.“

Festlich geschmückter Ballsaal des Wiener Rathauses
© Alex Acaris

Links: http://www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/opernball/Opernballprogramm_2016.pdf

 

3 KOMMENTARE

    • Hallo dancer! Du hast ja ein gutes Auge-woher kennst du die 2016er-Krönchen so genau, dass du weisst, das diese auf dem Bild aus 2013 sind? Leider ist es recht schwierig, als (zwar 177cm große aber doch) ‚kleine Bloggerin‘ vom Opernball berichten zu können… :-/ LG 3:) stebo

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here